Gefühle zulassen: Warum verdrängte Emotionen unser Leben bestimmen
Warum fällt es uns so schwer, unsere Gefühle wirklich zu fühlen? In dieser Folge sprechen wir darüber, warum wir Emotionen unterdrücken, welche Folgen emotionale Vermeidung haben kann und wie wir wieder Zugang zu unserer Gefühlswelt finden. Du erfährst, warum Gefühle wichtige Wegweiser sind, wie sich verdrängte Emotionen auf Körper und Beziehungen auswirken und welche konkreten Schritte dir helfen können, Gefühle wieder bewusst zuzulassen.
Transkript
Intro:
Gefühle wollen gefühlt werden. Das ist ihr Sinn und Zweck. Trotzdem verbringen wir viel Zeit und Energie damit, uns vor ihnen zu flüchten oder sie zu umgehen. Was uns im ersten Moment Erleichterung bringen kann, blockiert auf lange Sicht unsere Entwicklung. Heute wollen wir deshalb darüber sprechen, warum es wichtig ist, die eigenen Gefühle zu akzeptieren und wie wir sie wieder bewusst zulassen können.
Hey und herzlich willkommen zu einer neuen Folge UNMASKIERT. Mein Name ist Julius, ich begleite Menschen dabei, sich selbst wieder zu fühlen, veranstalte Kurse und Seminare zum Thema Selbsterfahrung und bin der Host von UNMASKIERT. Ich freue mich, dass du heute wieder dabei bist und wünsche dir viel Spaß bei der Folge.
Wir Menschen sind geübt darin, unseren Empfindungen aus dem Weg zu gehen. Das können wir überall beobachten: Im Privatleben, auf der Arbeit, in der Politik und in Beziehungen. Meistens merken wir das garnicht bewusst, denn es ist uns schon früh zur Natur geworden. Bereits als Kinder haben wir gelernt, dass bestimmte Gefühle unerwünscht sind. Wut zum Beispiel. Oder Trauer. Oder Angst. Wir machten die Erfahrung, dass es gefährlich sein kann, das zu fühlen, was gerade da ist. Dass es sicherer ist, uns von einem Teil unseres Erlebens abzuschneiden, um unsere Zugehörigkeit nicht zu gefährden.
Das Problem: Diese Vermeidung schneidet uns heute vom unmittelbaren Erleben unserer Gefühlswelt ab und trennt uns von der Gegenwart. Und das hat Folgen.
Was passiert, wenn wir Gefühle vermeiden?
Wenn wir ehrlich sind, haben wir alle schonmal ein Gefühl vermieden. Denn das ist meist unsere unmittelbare Reaktion auf unangenehme Empfindungen. Und das kann auch erstmal hilfreich sein, denn Vermeidung schützt uns kurzfristig vor Überforderung. Unser Nervensystem fährt runter, wir haben weniger Angst, weniger Druck, weniger Alarm. Langfristig passiert aber auch etwas:
1) Das Gefühl ist nicht weg – es rückt nur in den Hintergrund
Verdrängte Gefühle verschwinden nicht einfach. Sie bleiben in unserem Nervensystem präsent und zeigen sich dort dann indirekt als: Unruhe, emotionale Instabilität, Schmerzen oder auch als psychosomatische Beschwerden.
2) Der Körper merkt sich das Gefühl
Weil unser Erleben immer ein untrennbares Ganzes ist und Gefühle daher immer auch körperliche Prozesse sind, finden sie bei Vermeidung trotzdem im Körper statt: Das kann eine emotionale Ladung erzeugen, die sich unbemerkt in unserem System anstaut und sich irgendwann unkontrolliert durch Konflikte oder eine Krankheit entlädt.
3) Wir verlieren den inneren Kompass
Gefühle geben uns Orientierung: Wut = Grenze, Angst = Schutz, Trauer = Bindung, Scham = Zugehörigkeit. Wenn wir uns vom Fühlen abkoppeln, wird unklar: Was brauche ich wirklich? Wo liegen meine Bedürfnisse? Was ist eigentlich wahr für mich und was nicht?
4) Beziehungen werden indirekter
Statt klar zu spüren und zu sagen, was ist, passen wir uns an oder gehen in Rückzug. Nähe wird schwieriger, Konflikte werden aufgeschoben - und kommen später sogar heftiger oder als bleibender Beziehungsschaden zurück.
5) Emotionale Entwicklung wird blockiert
Gefühle wollen „zu Ende gefühlt“ werden, damit sie sich in unserem Erleben integrieren können. Wenn wir sie dauerhaft vermeiden, bleiben Themen „offen“ und unser Leben wiederholt sich in ähnlichen Bahnen: gleiche Muster, gleiche Konflikte, gleiche Geschichten – nur in anderer äußerer Form. Wenn du also ähnliche Situationen immer wieder erlebst, kann es sein, dass dahinter ungefühlte Emotionen stecken.
Was gewinnen wir, wenn wir unsere Gefühle zulassen?
Wir sehen also: Das Nicht-Fühlen unserer Gefühle hat reale Konsequenzen. Ein bisschen wie der Dispo-Kredit auf unserem Konto. Erstmal merken wir nichts vom Minus, aber die Zinsen kommen irgendwann. Und dazu kommt noch etwas: Wenn wir unsere Gefühle vermeiden, vermeiden wir das Leben selbst. Denn Gefühle sind Leben. Das hört sich auf den ersten Blick vielleicht ungewohnt an, ist es aber überhaupt nicht. Wenn wir “Leben” als als die Gesamtheit aller Ereignisse betrachten, die sich jetzt in diesem Augenblick ereignen, dann sind natürlich auch unsere Gefühle Teil davon.
Wir stärken mit einem Bewussten “JA” zu unserer Gefühlswelt also nicht nur unsere mentale Gesundheit, sondern nehmen auch viel direkter Teil am Leben, so wie es sich gerade zeigt. Dadurch verändert sich unsere Lebensqualität fundamental.
Das heißt nicht, dass wir alles gutheißen müssen. Und das heißt auch nicht, dass alles angenehm sein muss, was wir wahrnehmen. Es heißt einfach nur: Was da ist, darf sein. Und was sein darf, verliert seine absolute Macht über uns. Wut wird dann weniger rasend, Angst weniger intensiv und Trauer weniger überwältigend.
Konkret gewinnen wir also:
1) Echte Regulation
Wenn sich Gefühle in uns zeigen und bewegen dürfen, dann können sie gesund verarbeitet und integriert werden. Das stärkt nicht nur unsere mentale Gesundheit, sondern auch unsere emotionale Resilienz.
2) Klarheit und Orientierung
Gefühle sind auch Daten: Sie zeigen unsere Bedürfnisse, Grenzen und Werte. Wenn du sie zulässt, kannst du bessere Entscheidungen treffen – nicht nur “richtige”, sondern vor allem stimmige.
3) Selbstkontakt
Du spürst wieder, was in dir passiert – und kannst anderen dadurch ehrlicher und authentischer begegnen, was gleichzeitig auch tiefere Beziehungen ermöglicht.
4) Emotionale Reife
Du entwickelst die Fähigkeit, auch unangenehme Zustände zu halten, ohne dich zu verlieren. Das macht dich weniger instabil und belastbarer in Krisen und herausfordernden Lebensphasen.
5) Lebendigkeit und Lebensfreude
Oft ist das Paradox: Wenn wir Trauer, Angst oder Scham wieder fühlen können, wird auch Freude, Dankbarkeit und Verbundenheit wieder zugänglicher.
Exkurs: Warum versuchen wir, unsere Gefühle zu rationalisieren?
Vielleicht ist dir schonmal aufgefallen, dass wir lieber über unsere Gefühle nachdenken, als sie wirklich zu fühlen. Warum machen wir das? Nun, ich habe hierzu ein Wort: Kontrolle. Wenn wir Gefühle rational betrachten suggeriert uns das Kontrolle über unsere Innenwelt. Denn dadurch bauen wir Distanz zu unserem unmittelbaren Erleben auf. Bis zu einem gewissen Grad klappt das auch. Gefühle zu verstehen kann in manchen Situationen hilfreich sein. Aber letztendlich ist das analysieren von Gefühlen eben auch eine Form der Vermeidung, die uns in unserer Entwicklung hemmt.
Wie können wir unsere Gefühle wieder zulassen?
Stellt sich nun die Frage, wie das eigentlich funktioniert - wieder zu fühlen. Oftmals sind wir ja nicht von unserer kompletten Gefühlswelt abgeschnitten, sondern nur von einem Teil davon. Zunächst müssen wir festhalten: Fühlen wieder zu lernen ist ein Prozess, der sich über die Zeit entfaltet. Kleine Schritte bringen mehr als große Sprünge und emotionale Sicherheit währenddessen wichtig. Denn unterdrückte Gefühle hängen manchmal auch mit traumatischen Erlebnissen zusammen.
Wichtig ist also: Es geht nie darum maximal intensiv zu fühlen und von jetzt auf gleich alles radikal zuzulassen, sondern sich schrittweise an ein direktes Wahrnehmen heranzutasten. Am besten klappt es, wenn du dich von allen Erwartungen und Ansprüchen löst. Es gibt kein richtig und kein falsch. Wenn du merkst, dass dich Gefühle überfluten, dann ist das immer ein Signal für “langsamer, weniger intensiv.”
1. Kontakt zum Körper
Gefühle finden immer im Körper statt. Es geht also darum, eine tragfähige Verbindung zu ihm herzustellen. Nur durch ihn können wir wirklich erleben und erfahren, was gerade passiert. Das gelingt uns am besten, wenn wir regelmäßig über den Tag kleine Kontaktmomente mit unserem Körper herstellen. Mache dir zur Routine (egal ob du im Büro, im Auto oder zu Hause auf dem Sofa sitzt), mehrmals täglich deinen Körper zu spüren. Frage dich:
Was fühle ich gerade?
Wo fühle ich es? (im Brustkorb, in den Armen, in den Schultern)
Wie fühlt es sich an? (eng, weit, warm, kribbelig, leer, gespannt…)
Und benennen, was du fühlst. Ohne Bewertung.
2. Gefühlsvorkabular trainieren
Vielleicht fehlen dir bisher noch die Worte, um die verschiedenen Empfindungen zu benennen, die in dir auftauchen. Dann kann es sich lohnen, deinen emotionalen Wortschatz zu erweitern. Statt nur Worte wie “gut/schlecht”, “gestresst”, “genervt” zu verwenden können wir auch differenzierter benennen: “Enttäuscht”, “verletzt”, “beschämt”, “überfordert”, “erleichtert”. Je genauer unser Wortschatz, desto weniger „diffus bedrohlich“ wird unser Erleben und desto besser können wir es kommunizieren. Eigne dir also über die Zeit einen größeren emotionalen Wortschatz an.
3. Ausdruck statt Unterdrückung
Gefühle brauchen innere Bewegung, nicht unbedingt Analyse. Das kann bedeuten:
5 Minuten ungefiltert alles aufzuschreiben, was gerade in uns drin passiert
Dynamische Bewegungen wie: Schütteln, Springen, Tanzen
Kunst - Musik, Zeichnen, Singen
Nicht um das Gefühl wegzubekommen, sondern um es ohne große Erwartungshaltung auszudrücken.
3. Verbindung zu anderen Menschen
Gerade bei emotionaler Entwicklung und inneren Themen ist der Zugang oft leichter in Beziehung: Durch ein Gespräch mit einem sicheren Menschen, durch 1:1-Begleitung oder Gruppenprozesse.
Denn unser Nervensystem reguliert sich nicht nur „von innen“, sondern vor allem auch durch Kontakt. Wenn jemand ruhig präsent ist, zuhört und nicht bewertet, bekommt unser System eine neue Botschaft: Es ist okay, das zu fühlen. Ich bin nicht allein damit.
Fazit
Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis: Gefühle sind nicht das Problem – sie sind ein Teil von uns, der gesehen werden will. Wenn wir sie vermeiden, gewinnen wir vielleicht kurzfristig Kontrolle, aber wir verlieren langfristig Orientierung, Lebendigkeit und Verbindung. Wenn wir dagegen wieder lernen zu fühlen – Schritt für Schritt, in unserem Tempo und mit genug Sicherheit – dann passiert etwas Entscheidendes: Wir kommen zurück in Kontakt mit uns selbst. Wir verstehen klarer, was wir brauchen, wo unsere Grenzen liegen und was uns wirklich wichtig ist. Und genau dadurch werden sie werden tragbarer, ehrlicher und integrierbar.
Wenn du aus dieser Folge nur eine Sache mitnimmst, dann vielleicht diese: Es geht nicht darum, frei von unangenehmen Gefühlen zu sein. Es geht darum, innerlich „Ja“ zu dem zu sagen, was gerade da ist - ohne Bewertung, ohne Druck.
Manchmal schaffen wir das selbst. Manchmal kommen wir mit unseren Mustern und Themen alleine nicht weiter. Genau dann begleite ich dich in individuellen 1:1-Sitzungen. Ich helfe dir dabei, wieder Zugang zu deiner Gefühlswelt zu finden, Bedürfnisse zu verstehen, innere Blockaden und Muster zu erkennen und einen ehrlichen Umgang mit deinem Erleben zu entwickeln. Wenn du Interesse an einer Begleitung hast dann schreib’ mir hierzu jederzeit gerne eine Mail an mail@juliushuth.de.
Danke, dass du heute wieder dabei warst. Wenn dir die Folge gefallen hat, freue ich mich über eine Bewertung. Teile sie auch gerne mit Menschen, für die dieses Thema gerade hilfreich sein könnte. Bis zur nächsten Folge wünsche ich dir alles gute. Bis dann!